Herbstanfang

September 22nd, 2009

Der erste Herbsttag in diesem Jahr.
Wie es aussieht, wird es ein guter Herbst.
Die Sonne lächelt pastellfarben durch die ersten rotbraunen Blätter
und die Kraft der Natur kehrt in den Boden zurück.
Magische Stille.
Ein goldener Herbst. Ein Schöner Herbst.

Aber dann kommt sicher wieder ein beschissener Winter.
Wie jeder beschissene Scheißwinter.
Ich ahne es schon. So eine Scheiße.

Mann

August 27th, 2009


Ein Bild von einem Mann. Wahrscheinlich über zwei Meter und Schultern wie ein Fels.
Arme wie Stahl, Beine wie Stämme. Augenbrauen wie Tannenwälder. Holzfäller sehen so aus. Grimmsche Riesen.
Du kannst den Blick nicht von ihm lassen, denn sein schwarzer Vollbart wirkt etwas verstörend.
Vielleicht aber nur, weil seine Lippen rot geschminkt sind.
Vielleicht sind es aber auch die Lippen selbst, die irritieren, zumal der Farbton
nicht zu der roten Perücke passt, die er trägt.
Nicht so ein Rot wie es die Huren tragen. Ein Rot wie von einer Diva. Divenrot.
Mit seinen heruntergekauten lackierten Fingernägeln kratz er sich ein paar Hautschuppen aus dem Bart
und sagt, „Glotz weiter so dämlich und ich breche dir das Gesicht.“
Du siehst schnell in eine andere Richtung und denkst an Mutter.

Frei

Juli 30th, 2009

Seine Sammlung historischer Bücher füllt ganze Regalwände.
Zeitungsausschnitte, festgepint an allen Wänden seines Raumes.
Videokassetten mit Fernsehdokumentationen in Kartons, hüfthoch.
Sammelordner in allen Farben, nach Jahreszahlen geordnet.
Der Kommissar fährt die Order mit dem Finger ab. “2000, noch mal 2000, 2004 und 2007.”
Ben Allal. Der König von Belgien.
„Kinderspiel, sagte mein Mann immer.“
1962, Frank Morris, John und Clarence Anglin.
„Davon schwärmte mein Mann immer. Er wünschte ihnen, sie würden ein freies Leben führen. Irgendwo.“
„Wirklich?“, fragt der Kommissar.
1864, die Sache Libby.
„Der Tunnel. Ein hartes Stück Arbeit, sagte mein Mann immer“
1829, Edmond Dantès.
„Das Meisterstück und Krönung seiner ganzen Sammlung.“
„Dantès. So, so.“, sagt der Kommissar.
„Jetzt haben Sie sein Zimmer gesehen, Monsieur le Commissaire“
„Leider konnte ich auch hier keinen Anhaltspunkt für das Verschwinden des Leichnams
ihres verstorbenen Mannes finden, Madame.“

Wie Martha Kollwitz den Stritium-Phasal-Laser erfand

Juli 10th, 2009


„Nun, es muss kurz vor 12.00 Uhr gewesen sein. Wissen Sie, mein Mann isst am Sonntag gerne zeitig. Und dann ist mir die Lesebrille in die Rindsboullion gefallen. Und was mache ich? Drehe ich doch das Ceranfeld hoch, anstatt es runterzudrehen, ich Dummerchen.“

 

 

Schwester Monika

April 28th, 2009


„Wie mich Schwester Monika in die okkulten Praktiken des Oralverkehrs einführte.“

Unter diesem Motto veranstaltest du heimlich deinen Vortragsabend im großen Speisesaal.

„Bildgewaltige Mediaschau und Fencheltee inklusive“, prahlst du hinter vorgehaltener Hand um möglichst viele Mitpatienten für deine Veranstaltung zu gewinnen.

„Eine Enthüllungsstory mit Brisanz“, versprichst du.

Die Resonanz hält sich jedoch trotz des verheißungsvollen Titels und intensiver Werbung in Grenzen. Nur dein Zimmernachbar aus der 28 und der Sabbernde Walter sind erschienen.

„Eins, zwei, drei. Test“, hauchst du in das Mikrofon, das eigentlich nur donnerstags verwendet wird. Donnerstag ist Bingo-Tag.

„Check, Check“, rufst du so laut, dass es aus den Lautsprechern piept.

„Wohl an“, sagst du, legst das Mikrofon zur Seite und ziehst blank.

Leider hat Schwester Monika gerade heute Nachtdienst, und ist mit dem Vortrag nicht so recht einverstanden.

Der Abend lehrt dich, dass man Rückstände von Pfefferspray besser mit warmen als mit kaltem Wasser aus den Augen spült.

(aus:  Absinthklinik, Kurzgeschichte)

Langeweile

April 5th, 2009


Langeweile stellt sich ein.
Ich sollte mir endlich ein zweites Hobby anschaffen.
Nicht mehr immer nur jeden Tag den Grundschülern ihr Ritalin abpressen
und es dann an die gymnasiale Oberstufe verhökern.




Die Mutter der Revolution

Februar 21st, 2009

Mutter macht Revolution.
Mutter sagt, wer sich die Hände wäscht,
macht auch keine Handtücher dreckig.
Mutter wäscht keine Handtücher mehr.
Mutter macht Revolution.

Überführt

Februar 21st, 2009

 

„Hier hätte ich mich auch aufgehängt“, sagt der Hausmeister mit der Hand vor dem Mund.

Ein Gestank, bestialisch.

Und dort hing er, direkt über einem Berg ungewaschener Wäsche und einer verdreckten Toilette. Müll und Exkremente überall.

Ich gestehe ein, dass auch ich um die Wiedervermietung der Wohnung besorgt wäre und beschließe, meine Untersuchungen schneller abzuschließen als geplant.

Auf dem Couchtisch ein Aschenbecher, der über die Ränder quillt.

Der ganze Tisch voller Asche. Zigarettenfilter. Ein weiterer Aschenbecher auf der Kommode. Übervoll. Einer auf dem noch laufenden Fernseher. Dort erklärt ein Mann im Werbekanal die Funktionsweise eines Handstaubsaugers. Lachende Gesichter. Saubere Teppiche.

Und hier? Asche überall. Asche auf den Stühlen, auf dem Fußboden, sogar in den leeren Flaschen, die überall herumstehen. Bierflaschen neben der Couch. Weinfalschen unter dem Tisch. Flaschen überall. In den Flur hinein und wieder hinaus, bis zur Küchentüre.

Und dazwischen, ein sauberes Glas mit rotem Lippenstift. Wie Blutstropfen auf einem funkelnden Diamant.

Damenbesuch.

„Werden sie die Wohnung räumen lassen?“, fragt der Hausmeister.

„Nein“, sage ich.

Dort, ganz oben in der Pyramide aus Zigarettenkippen steckt eine letzte Zigarette.

Menthol. Überlang.

„Dies war kein Selbstmord“

Die Absinthklinik hat die Pforten wieder geöffnet.

Februar 3rd, 2009


Für den monatlichen Malwettbewerb sollt Ihr euch alle so malen, wie ihr es euch erträumt

„Traumbilder“, schwärmt die Dienst habende Psychologin.

„Kinderkacke“, schimpfst du und malst zum Trotz einen riesigen schwarzen Kringel.

Mehr nicht.

Darunter schreibst du mit roten, tropfenden Buchstaben: „Das Tor des Todes“.

Dann behauptest du, es sei eine Kunst, die Schrift so aussehen zu lassen, als sei sie mit Blut geschrieben.

„Kunst kommt von Können“, prahlst du und forderst eine angemessene Bewertung.

Den ersten Platz macht aber eine Elfe auf einem Einhorn und sichert sich damit einen Platz unter der großen Uhr im Speisesaal.

„Kinderkacke“, brüllst du erneut und steckst deinen Kopf mitten durch den schwarzen Kringel.

Tor des Todes

Die Last des Sehers

November 4th, 2008

Sie. Lesen Sie nicht weiter. Wenden Sie Ihren Blick ab. Sehen Sie woanders hin. Aus dem Fenster.

An die Wand. Auf Ihre Schuhe. Besser noch, schließen Sie Ihre Augen. Lenken Sie sich ab. Denken Sie an etwas anderes.

An Ihre Jugend. Die große Liebe. An Ihre neue Stereoanlage. Mutters Kuchen.

Und kommen Sie mir auch später nicht auf die Idee, weiter zu lesen. Auch nicht heimlich. Versuchen Sie es nicht einmal.

Machen Sie was Sie wollen, aber vergessen Sie diesen Text. Löschen Sie ihn aus Ihrem Gehirn. Er hat nie existiert.

Also. Sie können lesen was Sie möchten, nur nicht diese Zeilen. Denn sonst würden sie mehr erfahren als Ihnen lieb ist.

Mehr als Sie vertragen könnten. Später würden Sie darum flehen, wieder vergessen zu können. Aber dann ist es zu spät.

Hören Sie? Lesen Sie kein weiteres Wort. Keine Silbe. Keinesfalls.

Und sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Dann ist es zu spät. Aus. Vorbei. Definitiv.

Also. Machen Sie einfach etwas anders. Nehmen Sie ein Bad. Telefonieren Sie mit Ihrer Mutter. Mit Freunden.

Kochen Sie etwas Leckeres. Gehen Sie vor die Türe, Ihre letzten Tage genießen. Hoppla.

Zahlen lügen nicht.

September 7th, 2008

Die amtliche Sterblichkeitsstatistik flüstert etwas zu meinem Alter.

Kopfschütteln.

Meine Risikoeinstufung tuschelt mit meinen Konsumgewohnheiten.

Kichern.

Mein Lebenswandel brüllt es schließlich heraus:

“Mein Herr, Sie sind zu 78% tot.

Zahlen lügen nicht, mein Herr.”

Nein. Zahlen lügen nicht. Verdammt.

Unsere Gewalt ist besser als eure

August 28th, 2008

Unsere Gewalt ist besser als eure.
Denn sie hat noch alles gelöst.
Und die Bösen kehrt man aus.
Fort. Unter den Bombenteppich.
Und das Gute obsiegt. Immer.
Unsere Gewalt ist besser als eure.