Der erste Herbsttag in diesem Jahr.
Wie es aussieht, wird es ein guter Herbst.
Die Sonne lächelt pastellfarben durch die ersten rotbraunen Blätter
und die Kraft der Natur kehrt in den Boden zurück.
Magische Stille.
Ein goldener Herbst. Ein Schöner Herbst.
Aber dann kommt sicher wieder ein beschissener Winter.
Wie jeder beschissene Scheißwinter.
Ich ahne es schon. So eine Scheiße.
Ein Bild von einem Mann. Wahrscheinlich über zwei Meter und Schultern wie ein Fels.
Arme wie Stahl, Beine wie Stämme. Augenbrauen wie Tannenwälder. Holzfäller sehen so aus. Grimmsche Riesen.
Du kannst den Blick nicht von ihm lassen, denn sein schwarzer Vollbart wirkt etwas verstörend.
Vielleicht aber nur, weil seine Lippen rot geschminkt sind.
Vielleicht sind es aber auch die Lippen selbst, die irritieren, zumal der Farbton
nicht zu der roten Perücke passt, die er trägt.
Nicht so ein Rot wie es die Huren tragen. Ein Rot wie von einer Diva. Divenrot.
Mit seinen heruntergekauten lackierten Fingernägeln kratz er sich ein paar Hautschuppen aus dem Bart
und sagt, „Glotz weiter so dämlich und ich breche dir das Gesicht.“
Du siehst schnell in eine andere Richtung und denkst an Mutter.
Seine Sammlung historischer Bücher füllt ganze Regalwände.
Zeitungsausschnitte, festgepint an allen Wänden seines Raumes.
Videokassetten mit Fernsehdokumentationen in Kartons, hüfthoch.
Sammelordner in allen Farben, nach Jahreszahlen geordnet.
Der Kommissar fährt die Order mit dem Finger ab. “2000, noch mal 2000, 2004 und 2007.”
Ben Allal. Der König von Belgien.
„Kinderspiel, sagte mein Mann immer.“
1962, Frank Morris, John und Clarence Anglin.
„Davon schwärmte mein Mann immer. Er wünschte ihnen, sie würden ein freies Leben führen. Irgendwo.“
„Wirklich?“, fragt der Kommissar.
1864, die Sache Libby.
„Der Tunnel. Ein hartes Stück Arbeit, sagte mein Mann immer“
1829, Edmond Dantès.
„Das Meisterstück und Krönung seiner ganzen Sammlung.“
„Dantès. So, so.“, sagt der Kommissar.
„Jetzt haben Sie sein Zimmer gesehen, Monsieur le Commissaire“
„Leider konnte ich auch hier keinen Anhaltspunkt für das Verschwinden des Leichnams
ihres verstorbenen Mannes finden, Madame.“
„Nun, es muss kurz vor 12.00 Uhr gewesen sein. Wissen Sie, mein Mann isst am Sonntag gerne zeitig. Und dann ist mir die Lesebrille in die Rindsboullion gefallen. Und was mache ich? Drehe ich doch das Ceranfeld hoch, anstatt es runterzudrehen, ich Dummerchen.“
„Wie mich Schwester Monika in die okkulten Praktiken des Oralverkehrs einführte.“
Unter diesem Motto veranstaltest du heimlich deinen Vortragsabend im großen Speisesaal.
„Bildgewaltige Mediaschau und Fencheltee inklusive“, prahlst du hinter vorgehaltener Hand um möglichst viele Mitpatienten für deine Veranstaltung zu gewinnen.
„Eine Enthüllungsstory mit Brisanz“, versprichst du.
Die Resonanz hält sich jedoch trotz des verheißungsvollen Titels und intensiver Werbung in Grenzen. Nur dein Zimmernachbar aus der 28 und der Sabbernde Walter sind erschienen.
„Eins, zwei, drei. Test“, hauchst du in das Mikrofon, das eigentlich nur donnerstags verwendet wird. Donnerstag ist Bingo-Tag.
„Check, Check“, rufst du so laut, dass es aus den Lautsprechern piept.
„Wohl an“, sagst du, legst das Mikrofon zur Seite und ziehst blank.
Leider hat Schwester Monika gerade heute Nachtdienst, und ist mit dem Vortrag nicht so recht einverstanden.
Der Abend lehrt dich, dass man Rückstände von Pfefferspray besser mit warmen als mit kaltem Wasser aus den Augen spült.
Langeweile stellt sich ein.
Ich sollte mir endlich ein zweites Hobby anschaffen.
Nicht mehr immer nur jeden Tag den Grundschülern ihr Ritalin abpressen
und es dann an die gymnasiale Oberstufe verhökern.
Mutter macht Revolution.
Mutter sagt, wer sich die Hände wäscht,
macht auch keine Handtücher dreckig.
Mutter wäscht keine Handtücher mehr.
Mutter macht Revolution.
„Hier hätte ich mich auch aufgehängt“, sagt der Hausmeister mit der Hand vor dem Mund.
Ein Gestank, bestialisch.
Und dort hing er, direkt über einem Berg ungewaschener Wäsche und einer verdreckten Toilette. Müll und Exkremente überall.
Ich gestehe ein, dass auch ich um die Wiedervermietung der Wohnung besorgt wäre und beschließe, meine Untersuchungen schneller abzuschließen als geplant.
Auf dem Couchtisch ein Aschenbecher, der über die Ränder quillt.
Der ganze Tisch voller Asche. Zigarettenfilter. Ein weiterer Aschenbecher auf der Kommode. Übervoll. Einer auf dem noch laufenden Fernseher. Dort erklärt ein Mann im Werbekanal die Funktionsweise eines Handstaubsaugers. Lachende Gesichter. Saubere Teppiche.
Und hier? Asche überall. Asche auf den Stühlen, auf dem Fußboden, sogar in den leeren Flaschen, die überall herumstehen. Bierflaschen neben der Couch. Weinfalschen unter dem Tisch. Flaschen überall. In den Flur hinein und wieder hinaus, bis zur Küchentüre.
Und dazwischen, ein sauberes Glas mit rotem Lippenstift. Wie Blutstropfen auf einem funkelnden Diamant.
Damenbesuch.
„Werden sie die Wohnung räumen lassen?“, fragt der Hausmeister.
„Nein“, sage ich.
Dort, ganz oben in der Pyramide aus Zigarettenkippen steckt eine letzte Zigarette.
Unsere Gewalt ist besser als eure.
Denn sie hat noch alles gelöst.
Und die Bösen kehrt man aus.
Fort. Unter den Bombenteppich.
Und das Gute obsiegt. Immer.
Unsere Gewalt ist besser als eure.